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Robert Baden-Powell (BiPi) und die Entstehung der Pfadi-Idee

Auszug aus der «Diplomarbeit zum Thema Pfadfinder» an der DMS Marzili, Bern von Marina Casparis v/o Ronja (Münsingen und Bern, Februar 1998)

Lord Baden-Powell of Gilwell war der Gründer der Pfadi. Er ist am 22. Februar 1857 in London, als zwölftes von vierzehn Kindern eines anglikanischen Pfarrers, geboren. Er wurde auf den Namen Robert Stephenson Smyth Baden-Powell getauft. Sein Vater starb, als Robert drei Jahre alt war.

Während seiner Kindheit fühlte sich Robert sehr zu seinem Grossvater hingezogen. Dieser weckte in ihm die Lust am Abenteuer und am Beobachten der Natur. Im College nutzte er jede freie Minute, um einen verwilderten Park zu durchstreifen, Spuren der Tiere zu suchen und sich im Freien zurecht zu finden. Schon damals lernte Baden-Powell, dass das Waldläufertum mehr war als Indianerspielerei, es war eine hervorragende Schulung des Charakters und der Persönlichkeit junger Menschen.

 

Baden-Powell wird Offizier 

Nach Abschluss des Colleges bewarb sich Baden-Powell um einen Ausbildungsplatz zum Offizier bei der britischen Armee. Er legte das Aufnahmeexamen mit Glanz ab und wurde sofort zum Unterleutnant der Kavallerie befördert. 

Mit dem 13. Hausregiment konnte Baden-Powell nach Indien fahren. Dort fiel er auf, weil er nicht wie seine Kameraden sein Geld in Bars verschwendete, sondern sich in der freien Natur vergnügte. Sein Freund E. E. Reynolds schrieb: «Am liebsten schlich sich BiPi in den Dschungel. Dort lag er regungslos und beobachtete die wilden Tiere, wie sie zur Tränke zogen - den Hirsch, den Schakal, den Eber und den Bären.» 


Bipi spielt Okarina
 

 

 

 

 

 

 

 

Robert Baden Powell spielt Okarina mit den Offizieren des 13. Husarenregiments in Indien. ca. 1886

 

 

Er war überall unter dem Namen BiPi bekannt (seine Initialen B.P. englisch ausgesprochen). BiPi war bei seinen Kameraden sehr beliebt, denn er konnte gut singen und Theater spielen. 

Seine Talente kamen auch den Vorgesetzten zu Ohren. Sie übertrugen ihm die Ausbildung der Scouts, der Pfad-Finder, die nicht im offenen Kampf eingesetzt wurden, sondern das gegnerische Lager auskundschaften mussten. Baden-Powell hielt sich bei der Ausbildung der Scouts nicht an herkömmliche Methoden, sondern zeigte seinen Schützlingen spielerisch, wie sie sich zu verhalten hatten. Er erklärte ihnen, was der Zweck ihrer Arbeit war, und er versuchte, ihnen die Freude an der Tätigkeit zu zeigen. Er gab keine strikten Anordnungen, sondern nur Tipps und Anregungen, die zur Lösung eines Problems halfen. Er hielt keine langen Vorträge über seine eigenen Erfahrungen, denn er wollte, dass seine Schützlinge aus ihren eigenen Erfahrungen lernten. «Learning By Doing» nannte er dieses System. Baden-Powell überzeugte - und führte -, indem er ein Vorbild gab!

 

Erfahrungen im Krieg in Afrika 

1899 erschien Baden-Powells erstes Buch «Aids For Scouting». Er empfahl es dem englischen Generalstab als allgemeine Ausbildungslektüre. 

Im selben Jahr wurde Baden-Powell nach Afrika versetzt. Er sollte dort, in Mafeking, einer kleinen Frontstadt, britische Soldaten für den Dschungelkampf ausbilden. Am 11. Oktober 1899 wurde die kleine Stadt von 9000 Buren umzingelt. In Mafeking selber befanden sich ausser Frauen, Kindern und Jugendlichen nur 700 ausgebildete Soldaten und etwa 300 Zivilisten (meist ältere Männer). Baden-Powell war entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Er verteidigte die Stadt nicht mit Gewalt sondern mit List, indem er den Buren eine viel grössere Anzahl Soldaten und Munition vortäuschte. Die Buren wagten nicht, anzugreifen. Im Mai 1900 wurde Mafeking befreit. Baden-Powell war es gelungen, die Stadt 217 Tage zu verteidigen. 

Mafeking 













 

 

BiPi während der Belagerung von Mafeking 1899

 

 

Damit die Soldaten für den Ernstfall immer bereit waren, überliess er den Jungen aus der Stadt leichtere militärische Aufgaben. Sie konnten als Sanitäter, als Meldegänger und als Späher eingesetzt werden. Dabei stellte Baden-Powell zu seiner Verblüffung fest, dass auch die Jungen Verantwortung übernehmen konnten, wenn man ihnen nur das nötige Vertrauen entgegenbrachte.Diese Erkenntnis war damals revolutionär, da die Pädagogen zu dieser Zeit den Jugendlichen noch kein Vertrauen entgegenbrachten. Man glaubte, dass man die Jungen und Mädchen nur unter sehr strengen Bedingungen erziehen könne. Dass heutzutage die Lehrer die Jugendlichen als ernst zu nehmende Partner behandeln, ist nicht zuletzt Baden-Powells Erkenntnis zu verdanken.

 

Das «Pfadfinder-Konzept» entsteht

Nach diesem Krieg wurde Baden-Powell nach England zurückbeordert. Er wurde zum General befördert und mit dem Kreuz des Bath-Ordens ausgezeichnet. Schon bei seiner Ankunft stellte er fassungslos fest, dass er ein Held geworden war. Die englischen Zeitungen hatten von der Belagerung Mafekings berichtet. Ganz England hatte den spannenden Kampf um Mafeking verfolgt. 

Besonders die Jungen waren begeistert von Baden-Powell. Sein Buch «Aids For Scouting» war ein Jugendbuch-Bestseller geworden. Baden-Powell war gar nicht glücklich darüber, denn es war ein militärisches Buch. Als Mann, der den Frieden liebte, wollte er nicht, dass ein derartiges Buch in die Hände der Jungen kam. Die Entwicklung war jedoch nicht mehr rückgängig zu machen, da beschloss Baden-Powell ein zweites Buch zu schreiben. Dieses Buch wollte er «Scouting For Boys» nennen. Baden-Powell las ein Buch seines Freundes Rudyard Kipling. Das Buch hiess «Kim». Er war von diesem Buch tief beeindruckt, denn es bestätigte seine Erkenntnisse aus Mafeking. Er erkannte auch, dass sich nützliche Fähigkeiten am besten durch Spiel schulen liessen. Er nahm sich vor, sinnvoll gestaltete Spiele in sein geplantes Buch «Scouting For Boys» einzubeziehen. 

Wieder wurde Baden-Powell nach Afrika geschickt, diesmal um die südafrikanische Schutzpolizei auszubilden. Die berittenen Polizisten trugen einen breitrandigen Hut, ein Halstuch und ein Khakihemd - die spätere Tracht der Pfadfinder. 1903 wurde er in England zum Generalinspekteur ernannt. Er erhielt den Befehl, die Kavallerie neu zu organisieren. Diese Aufgabe beanspruchte ihn sehr lange, und erst als die Kavallerie seinen Vorstellungen entsprach, konnte er sich wieder seinem bevorzugten Thema, der Jugenderziehung, zuwenden. 

 

Das erste Pfadilager 

Bevor er aber zur Feder griff, wollte er eigene Erfahrungen sammeln. Zu diesem Zweck organisierte er ein Lager. Er trommelte insgesamt 22 Jungen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen. Mit diesen 22 Jungen ruderte er im Sommer 1907 zur Insel Brownsea hinüber. Dort schlugen sie die Zelte auf.

Brownsea 

Das Lagergelände des ersten Pfadilagers auf Brownsea Island

 

Baden-Powell berichtete später: «Der Trupp der Jungen wurde aufgeteilt in Patrouillen zu fünf Mann. Der älteste wurde Patrouillenführer. Diese Einteilung in kleine Gruppen war das Geheimnis unseres Erfolges.» Jedem Patrouillenführer wurde volle Verantwortung für das Verhalten seiner Leute übertragen, und zwar für die ganze Zeit des Lagers. Die Patrouille war eine Einheit für Ausbildung, Arbeit und Spiel. Jede Patrouille lagerte an ihrem eigenen Platz. Die Jungen wurden bei ihrer Ehre verpflichtet, die angeordneten Dinge auch auszuführen.

Verantwortlichkeit und gesunde Rivalität wurden auf diese Weise geweckt. Eine gute, grundlegende Ausbildung erfolgte jeden Tag für den ganzen Trupp, und so wurden alle fortschreitend in den Dingen des Pfadfindertums geübt. In ganz England sprach man vom Held von Mafeking, der ein Jugendlager veranstaltet hatte, in dem kein erzieherischer Zwang ausgeübt worden war.

Die meisten Engländer zeigten sich begeistert von Baden-Powells neuer Form der Jugenderziehung. Unter den Anhängern war auch der Londoner Verleger Pearson. Dieser wollte eine Jugendzeitung mit dem Namen «The Scout» gründen, wenn sich Baden-Powell verpflichtete, dafür Artikel zu schreiben. In seinem fünfzigsten Lebensjahr wurde der General Jugendführer!

Lagerleben












Lagerleben auf Brownsea Island

 



 

Scouting For Boys

In der Windmühle von Wimbledon verwirklichte er endlich seinen Plan und schrieb das Buch «Scouting for Boys». Es erschien als Serie, Kapitel für Kapitel, in der Zeitung «The Scout». Später wurde es, in viele Sprachen übersetzt, zum grössten pädagogischen Werk unseres Jahrhunderts. Wieso kam es zu diesem Erfolg? Scouting for Boys war keine der üblichen schwerverständlichen Abhandlungen eines Pädagogen. Es war ein einfaches Buch, es war eine Erzählung, eine Plauderei am Lagerfeuer, behaglich und spannend erzählt. Baden-Powell erzählte von seinen Abenteuern in der Steppe und im Dschungel. Man erfuhr, wie man ein Feuer ohne Streichhölzer macht, wie man Entfernungen schätzt, Fährten von Tieren und Menschen deutet und verfolgt, Knoten bindet, wie man die Himmelsrichtungen ohne Kompass ermittelt und Erste Hilfe leistet. Er empfahl den Jungen, sich in kleinen Gruppen zusammen zu tun, täglich eine gute Tat zu leisten und immer hilfsbereit zu sein. 

Scouting For Boys

Viele Kritiker fragen sich, was das alles mit Pädagogik zu tun habe. Baden-Powell schrieb wirklich nicht viel über psychologische Persönlichkeitsentwicklung, Motivationssteuerung und ähnliche Schlagworte. Er gab den Jungen Tipps, wie sie spielerisch, ohne es zu merken, diese Ziele erreichten.

 

Die Pfadi-Idee im Urteil der Pädagogen 

Später befassten sich Universitätsprofessoren, Pädagogen und Psychologen mit Baden-Powells Buch und haben den tieferen Sinn herausgefunden: Wer beispielsweise als Jugendlicher ohne Kompass wandert und ständig auf alle natürlichen Anzeichen der Orientierung achten muss, der wird sicherlich auch als Erwachsener in seinem beruflichen und privaten Leben die richtige Linie wählen, und nicht auf Abwege geraten. Wer als Jugendlicher bei den Pfadfindern gelernt hat, Entfernungen zu messen, um zu wissen, ob er mit seinen Kräften das Ziel einer Wanderung in einer Etappe erreichen kann, der wird später auch das Ziel einer beruflichen Aufgabe gut einschätzen können. 

Auf einer Urlaubsreise nach Südamerika im Jahre 1909 wurde Baden-Powell zu seinem Erstaunen von einer Gruppe Pfadfinder empfangen. Die Jungen trugen Khakihemden, ein Halstuch und einen breitrandigen Hut. Sie erklärten Baden-Powell, dass sie sich die Zeitschrift «The Scout» über den Ozean hatten schicken lassen. Er nahm ihnen das Pfadfinderversprechen ab und erklärte diese Gruppe zur ersten ausländischen Pfadfinderorganisation. Baden-Powell erkannte, dass er mit der Pfadfinderorganisation voll ins Schwarze getroffen hatte. Er wollte eine Bruderschaft gründen, eine Bruderschaft für friedliche Zwecke und ohne Trennung nach Gesellschaftsklasse, Rasse, Nationalität oder Religionsgemeinschaft. 

 

Die weltweite Pfadfinderbewegung entsteht 

Baden-Powell organisierte 1909 ein Pfadfindertreffen in London. Unter den 11'000 Teilnehmern entdeckte er eine Schar Mädchen. Sie trugen auch eine Pfadfindertracht, kamen auf ihn zu und sagten: «Wir sind Girl Scouts, Mister Baden-Powell.» Baden-Powell war begeistert, dass sich seiner ursprünglich nur für Knaben gedachten Organisation auch Mädchen anschliessen wollten. 

Pfadifinderin

Pfadfinderin am ersten Pfadfindertreffen in London 1909

 

Damals war eine Gemeinschaftserziehung von Mädchen und Knaben noch undenkbar, deshalb wurden sie sehr streng getrennt. Die Jungen zu den Boy Scouts und die Mädchen zu den Girl Guides. Baden-Powell entschloss sich, sein Buch Scouting for Boys für die Interessen der Mädchen umzuschreiben. Seine Schwester Agnes half ihm dabei. 

Im Jahre 1912 heiratete Baden-Powell die 22jährige Olave St. Clair. Olave begeisterte sich für die Pfadfinderei und übernahm im Jahre 1916 die Führung der englischen Girl Guides. 

Olave Baden Powell







Olave Baden Powell

 

Zu dieser Zeit kam BiPi zur Entscheidung, die Jugendlichen in zwei Altersgruppen zu teilen: 

  1. Gruppe: die Wölfe (Kinder bis zum 11. Lebensjahr)
  2. Gruppe: die eigentlichen Pfadfinder (mindestens 12jährig) 

Beide Gruppen sollten eine getrennte, ihrem Alter angepasste Ausbildung erhalten. Seit 1919 gibt es auch eine dritte Altersgruppe, die Rover (vom 19.-21. Lebensjahr).


Das erste Jamboree 

Von einem schottischen Landedelmann erhielten die Pfadfinder 1919 den Gilwellpark in London. Dieser diente als Ausbildungszentrum für Scoutmaster (Pfadfinderleiter). 1920 veranstaltete BiPi das erste internationale Pfadfindertreffen (Jamboree) in London. In der Olympia Hall kamen 8000 Pfadfinder aus 27 Ländern zusammen. Bei dieser Gelegenheit wurde Baden-Powell zum «Chief Scout of the World» ausgerufen. Schon 1922 zählte die Pfadfinderbewegung über eine Million Mitglieder in 32 Ländern. Die Pfadfinderinnen hatten inzwischen unter der Leitung von Olave Baden-Powell grosse Fortschritte gemacht. Auch sie erhielten zwei internationale Ausbildungszentren entsprechend dem Gilwellpark.

Poster Jamboree

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Offizielles Poster des ersten Jamboree in London

 

 

Rückkehr nach Afrika


1929 wurde Baden-Powell vom König zum Lord geadelt. Er hiess jetzt Lord Baden-Powell of Gilwell. Ein Jahr später wurde Lady Olave Baden-Powell zur «Chief Guide of the World» ernannt. Baden-Powell verabschiedete sich offiziell vom aktiven Pfadfinderleben im Jamboree in Holland, 1937: «Es ist Zeit für mich, dass ich euch good-bye sage. Ich bin in meinem einundachtzigsten Lebensjahr und nähere mich dem Lebensende. Die meisten von euch aber sind am Beginn des Lebens». Danach zog er sich in sein Haus, in der Nähe von Nyeri, im ostafrikanischen Kenia, zurück. 

 

Am 8. Januar 1941 starb Baden-Powell. Er wurde auf dem Friedhof von Nyeri beerdigt. Auf dem Grabstein befindet sich ein Kreis mit einem Punkt darin. Es ist ein internationales Pfadfinderzeichen und es heisst: «Ich habe meinen Auftrag erfüllt und bin nach Hause gegangen.»

BiPis Grabstein

Lady Olave Baden-Powell starb am 26. Juni 1977.

 

Auszug aus der «Diplomarbeit zum Thema Pfadfinder» von Marina Casparis v/o Ronja, an der DMS Marzili, Bern (Münsingen und Bern, Februar 1998). Ein Exemplar der Arbeit befindet sich im Zentralarchiv+Museum und kann dort eingesehen werden.

Alle Zitate stammen aus: «Das grosse Pfadfinderbuch» von Walther Hansen. Auswahl der Bilder: Aldo Scarpa v/o Kaag

 

 

 


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