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Pfadigeschichte mit interessanten Seitenblicken auf die Roten Falken: "Als pazifistische Alternative zur Pfadfinderschaft"

von Hans Steiger

Es ist seine Dissertation als Dr. phil., die Dominik Stroppel im Eigenverlag als Buch vorlegt. Doch der Journalist - er arbeitet seit Jahren als Redaktor bei Radio Z - sorgt für Lesbarkeit. Und der Zeitraum seiner Untersuchung über den Schweizerischen Pfadfinderbund, von 1918 bis 1945, sowie ein paar sehr spezielle Fragestellungen machen sie spannend. Eine davon lautet: "Fand eine Auseinandersetzung mit faschistischer Ideologie statt? Wenn ja, zu welchen Ergebnissen führte sie?" 

Führerschaft in Grenzbereichen 

Hier die Antwort ganz kurz: Die an sich international ausgerichtete Organisation wurde in den dreissiger Jahren von einer nationalen Welle heimgesucht, in der Erneuerungs-Rhetorik sowie diverse Gebräuche an Parallelen in Deutschland gemahnten. Viele wollten das 1924 von der Lilie abgelöste Signet mit Kreuz und Armbrust wiederhaben. Es sei schwierig, "eine scharfe Trennlinie zwischen einem übertriebenen Nationalbewusstsein und tatsächlichen faschistischen Tendenzen zu ziehen", stellt Stroppel fest. Ein paar prominente Pfadfinderführer "kamen dieser Grenzlinie gefährlich nahe" und haben sie "zum Teil auch überschritten". 

Walther von Bonstetten, gesamtschweizerischer Präsident und markantester Kopf der Bewegung, verkündete zum Bundestag 1933: "Die Jungmannschaft unseres Landes rührt sich. Soweit unser staatliches Gebäude morsch ist, will sie es neu aufbauen." Eigentlich brauche es darum die Frontenbewegung in der Schweiz gar nicht: "Pfadfinderfront dem Vaterland!" In diesem Sinne, und weil direkte parteiliche Verknüpfung ein Tabu war, kam es kaum zu Kooperationen. Und an der Basis fanden die Ideologischen Höhenflüge offenbar wenig Resonanz.

Eine massive militärische Welle 

Bedeutungsvoller und nachhaltiger sei ab 1935 "eine eigentliche militärische Welle" für den Übungsbetrieb gewesen. Es wurden Hilfsdienstfunktionen gesucht und übernommen. Was früher an den Kadetten kritisiert wurde, hielt nun Einzug in den eigenen Reihen. Tagesbefehle, ein Defilee mit 7000 Pfadfindern in der Bahnhofstrasse, der russisch-finnische Krieg als Geländespiel... 

Führer, die diesem Kurs opponierten, tönte es 1936 aus der besonders militanten Abteilung Flamberg in Zürich, müssten "rücksichtslos und unzweideutig ausgemerzt" werden "oder radikal bekehrt". Wobei wenig Widerspruch da war; das Soldatenspiel gefiel. Erst gegen Kriegsende gab es Mahnungen wie diese: "Es wird bald die Zeit kommen, wo Vorunterricht und Militarismus in unserer Bewegung gewaltig an Kurswert verlieren werden. Wenn wir dann nichts anderes, Bestandhafteres zu bieten haben, so verschwinden auch wir mit all diesen zeitbedingten Einrichtungen." 

Rote Falken als Gegenakzent 

Es mag diese Entwicklung dazu beigetragen haben, dass die Falken teilweise Zulauf aus den Reihen der Pfadfinder bekamen. Jedenfalls empfahlen sich diese gemäss Stroppel "als pazifistische Alternative". Vor allem in grösseren Städten, so warnte ein Bundessekretär seine Feldmeister, hätte die linke Konkurrenz bereits Ortsgruppen aufgebaut. "Eltern! Warum sind eure Kinder noch nicht bei den Roten Falken? Wollt ihr, dass die Pfadfinder eure Kinder zu Militaristen, zu Mördern erziehen?", wird aus einem Volksrecht des Jahres 1932 zitiert. 

In einem Abschnitt, der dem Verhältnis der Pfadfinder zu anderen Jugendorganisationen nachgeht, werden bei den Roten Falken als markante Unterschiede "die Koedukation und der Verzicht auf jegliche Ränge" hervorgehoben. Es gab aber auch Gemeinsamkeiten, die beabsichtigt waren. Anton Tesarek sah sein "Buch der Roten Falken" durchaus in dieser Verwandtschaft: "Es ist ein Versuch, Wege der bürgerlichen Erziehungskunst, von dem pädagogischen Genie Baden-Powell geformt und von modernen Psychologen als richtig erkannt, der sozialistischen Erziehung dienstbar zu machen." Bei beiden Ansätzen werde die Leistung der Schulen als ungenügend beurteilt.

Arbeiter "nicht geeignet" 

Bezüglich der Kinder aus Arbeiterkreisen hatten die Pfadfinder traditionelle Schwächen. Der allgemeine Teil der Dissertation macht deutlich, wie sehr Mittelstand und Oberschicht in den Anfängen dominierten. Es gab Abteilungen, die sich gar nicht öffnen wollten. Arbeiterkinder seien "schmutzig, frech, unerzogen", wird 1935 in einem Aufsatz zum Thema im Pfadiorgan als verbreitetes Vorurteil angeführt. Früher war am gleichen Ort vom "schweren Nachteil" zu lesen, "dass sich zur Führung einer Pfadfindergruppe der Arbeiter nicht eignet". Er habe einmal nicht "die nötige Zeit dazu", was als Argument ja noch angehen mochte, "und dann fehlt ihm die Vielseitigkeit auf geistigem Gebiete". 

Dieser elitären Haltung widerspricht nicht, dass energisch gefordert wurde, mehr Arbeiterkinder aufzunehmen, um sie dem Einfluss des Kommunismus zu entreissen. "Alle die, die nicht von uns aufgegriffen werden", fielen womöglich in Hände "einer Bewegung, die nicht davor zurückschreckt, das Blut der Mitbürger fliessen zu lassen, wo immer es für sie vorteilhaft ist". Originalton dreissiger Jahre auch dies.

 


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