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Skandal im 1. Weltkrieg - Pfadfinder Blatter vs. General Ulrich Wille

von Dominik Stroppel

Wenn ein Artikel in einer Pfadi-Zeitschrift den General der Schweizer Armee in Aufruhr versetzt, dann ist das eine sicher nicht ganz alltägliche Situation. Der Student Peter Camenzind hat diese aufregende Fussnote der Geschichte aufgearbeitet.

Ausgangspunkt der «Affäre Blatter» war ein Artikel in der damaligen Pfadfinderzeitschrift «Allzeit Bereit» (Ausgabe vom Juni 1918). Die Redaktion der betreffenden Nummer war Aufgabe der Basler Pfadfinderschaft. Der junge Feldmeister (Pfadfinderführer) Jakob Blatter stellte in seinem Artikel «Pfadfinderei und Militarismus» einige provokative Thesen zum Verhältnis zwischen Pfadfinderidee und Militär auf. So meinte Blatter unter anderem, dass "der Krieg und alle seine Vorbereitungen eine gewissenlose Spekulation des internationalen Grosskapitals" seien. Der Grund des Völkerhasses bestehe darin, dass man sich gegenseitig nicht kenne. Blatter liess diesen Thesen einen Aufruf zu aktivem Antimilitarismus folgen. Die Pfadfinder müssten "gegen alles, was irgendwie zu einer Beibehaltung der bisherigen militärischen Zustände dienen könnte" Stellung beziehen. 

Es ist - trotz dessen Interesse an der Pfadfinderei - nicht anzunehmen, dass das «Allzeit Bereit» zu General Willes Hauptlektüre gehörte. Dennoch muss der umstrittene Artikel seinen Weg auf den Schreibtisch des Generals gefunden haben. Jedenfalls verliessen schon am 2. und 3. Juli 1918 drei Schreiben Willes Büro. 

Der umfangreichste Brief war an Willes Generalstabschef Sprecher gerichtet. Wille bat diesen, Massnahmen gegen die Pfadfinder einzuleiten. Insbesondere sei es undenkbar, dass die Armee ihre Baracken für Pfadfinderlager zur Verfügung stelle, wenn dann darin "antimilitaristische Propaganda" getrieben werde. Weitere Schreiben gingen an den Baselstädter Regierungsrat Miescher und an den damaligen Zentralpräsidenten des Pfadfinderbundes Walther von Bonstetten. Letzterem (selber Major) legte Wille seine Enttäuschung dar: Er habe nicht erwartet, "dass irgend jemand, der sich mit der Pfadfinderei abgibt, so verbrecherisch sein könnte, diese noch unreifen Knaben zu Antimilitaristen erziehen zu wollen." 

Dies war nur der Anfang eines umfangreichen Briefwechsels, in dem auf Pfadfinderseite immer wieder betont wurde, die in besagtem Artikel zum Ausdruck gebrachte Meinung sei die Äusserung eines einzelnen. Von einer generellen "Durchseuchung" des Pfadfinderbundes mit antimilitaristischer Gesinnung könne keine Rede sein. Auf Armeeseite wurde die Androhung, man werde den Mietvertrag für eine dem Militär gehörende Unterkunft im Guldenthal zurückziehen, als Druckmittel gegen die Pfadfinder verwendet. Das Sommerlager stand kurz vor der Tür, und die Pfadfinder mussten befürchten, kurzfristig ohne Unterkunft dazustehen. Man musste den Armeeverantwortlichen entgegenkommen, indem man Jakob Blatter, den Urheber des strittigen Artikels, vom Sommerlager ausschloss. 

General Willes harsche Reaktion gegen den jungen Feldmeister ist nur schwer zu verstehen. Der Pfadfinderbund war Wille bestens bekannt. Auch wenn es im Basler Kantonalverband kurz zuvor den Fall eines Dienstverweigerers gegeben hatte, dürfte es Wille vollkommen klar gewesen sein, dass keinerlei Gefahr bestand, dass unter den Pfadfindern eine armeefeindliche Stimmung Überhand hätte nehmen können. Möglicherweise war der besagte Artikel im «Allzeit Bereit» nur der Tropfen, der beim der Presse mit einer gewissen Gereiztheit gegenüberstehenden General das Fass zum Überlaufen brachte. 

Sicherlich sollten wir uns vor einer Überinterpretation dieses Falles hüten. Wie schon einleitend erwähnt: Es handelt sich um eine Fussnote der Geschichte. Immerhin ist es für uns heute sicher interessant zu sehen, dass der Pfadfinderbund schon sehr früh (als er bestandesmässig noch sehr klein war) auch bei wichtigen Entscheidungsträgern ernst genommen wurde. 

Die Proseminararbeit «'Dieser Jac. Blatter, Feldmeister Basel, der ist ein ausgesprochen fanatischer Antimilitarist' - Ein Fall von Agitation der Schweizer Pfadfinder gegen die Armee» von Peter Camenzind (Bern) wurde am 15. Juni 1998 am Historischen Institut der Universität Bern bei Prof. Dr. Christian Pfister eingereicht. Sie kann beim ZA+M eingesehen werden. 

Die Akten, die der Arbeit zugrunde liegen findet man im Bundesarchiv (Briefwechsel zwischen Armeeleitung und den Basler und Schweizer Pfadfindern. BAr Inv. Landesstreik. Pertinenzbestand E 21).


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