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Vom «militärischen Vorunterricht» zu «Jugend + Sport»

von Dominik Stroppel

Wer sich mit der Geschichte von Jugend + Sport befasst, kommt um das Thema «militärischer Vorunterricht» nicht herum. Schliesslich ging J+S vor rund 25 Jahren aus dem freiwilligen Vorunterrichtsprogramm hervor, das - wie der Name es sagt - zum Ziel hatte, die männliche Jugend auf den Militärdienst vorzubereiten. Wer sich wiederum mit dem militärischen Vorunterricht befassen will, kommt andererseits nicht um das Thema «Pfadi» herum, denn die Entwicklung der Pfadibewegung und die Geschichte des Vorunterrichts sind ebenfalls eng miteinander verbunden.

Ein militärisches Vorunterrichtsprogramm bestand bereits, als in der Schweiz die ersten Pfadigruppen gegründet wurden. Und auch beim Schweizerischen Pfadfinderbund (SPB), in dem die Bubenpfadiabteilungen damals zusammengeschlossen waren, war man schon früh der Meinung, dass es eine wichtige Aufgabe sei, die Jugendlichen auf den Militärdienst vorzubereiten. Aber wie? Das war die grosse Frage, über die nicht nur im Pfadfinderbund heftig gestritten wurde. 

Den Vorunterricht, wie er in den Turnvereinen betrieben wurde, lehnten die Pfadfinder ab, weil er zu einseitig war und viel zu viel Wert auf die körperliche Ausbildung legte. Den damals noch verbreiteten Kadettenorganisationen warf man vor, «Soldatenspiele» zu betreiben. Die Pfadfinder nahmen für sich in Anspruch, die Sache ganzheitlicher anzugehen: «Charakterbildung» war für sie ebenso wichtig wie körperliche Ausbildung. Schon 1913 schrieb ein Pfadiführer: «Dass aber ein durch die Methoden des Pfadfindertums zum allgemeinen Dienst fürs Vaterland, geistig wie körperlich tüchtig gemachter Junge auch für den Vaterlandsbetrieb im Waffenkleid gut vorbereitet ist, ist ohne weiteres verständlich.» 

Angst vor einer staatlichen Jugendorganisation 

Ganz und gar nicht einverstanden waren die Pfadfinder mit einer Gesetzesvorlage, mit der 1940 aus dem bisherigen freiwilligen ein obligatorischer militärischer Vorunterricht für alle männlichen Jugendlichen geschaffen werden sollte. Im SPB fürchtete man, dass die Pfadibewegung ihre Selbständigkeit verlieren könnte. Natürlich hatte man dabei die Nachbarländer Deutschland und Italien im Auge, wo die Pfadiorganisationen aufgelöst, verboten und durch staatliche Jugendverbände ersetzt worden waren. Zur Erleichterung des SPB wurde diese Gesetzesvorlage vom Schweizer Stimmvolk abgelehnt. 

Tipps vom höchsten Pfadiführer an den Bundesrat 

Nicht nur das Obligatorium hatte die Leitung des Schweizerischen Pfadfinderbundes am abgelehnten Vorunterrichtsprogramm gestört. Man war auch regelrecht beleidigt, dass man sich im Eidgenössischen Militärdepartement gar nicht erst die Mühe genommen hatte, mit den Pfadis über den Vorunterricht zu diskutieren. Ganz unbescheiden hielt man sich nämlich für den eigentlichen «Fachverband» für Vorunterricht. «Pfadfinderei an und für sich ist die beste in Frage kommende vormilitärische Ausbildung», konnte man zum Beispiel 1942 im Kim (Vorläufer des trèfle/kim) nachlesen. Der Bundesfeldmeister (Bundesführer) Louis Blondel erläuterte in einem ausführlichen Brief an Bundesrat Kobelt die Vorstellungen der Pfadfinder von Vorunterricht und forderte den Bundesrat unmissverständlich auf, endlich mit dem Pfadfinderbund zusammenzuarbeiten.

Der neue Vorunterricht - ein «Pfadiprodukt» 

1942 trat ein neugestaltetes, freiwilliges Vorunterrichtsprojekt in Kraft. Bei der Ausarbeitung dieses Projekts war die Pfadfinderbewegung wesentlich beteiligt. In allen wichtigen Kommissionen und Arbeitsgruppen waren aktive oder ehemalige Pfadiführer in der Mehrheit. Die nun gültigen Konzepte deckten sich praktisch zu 100 % mit den Richtlinien, die schon vorher im SPB bestanden hatten. Der wichtigste Punkt war: Das Vorunterrichtsprogramm war absolut freiwillig und überliess den Organisationen grosse Spielräume. Wer sich daran beteiligen wollte, meldete seine Übungen und Lager als Kurse an und verpflichtete sich, sportliche, technische und körperliche Aktivitäten durchzuführen. Dafür profitierte man von finanzieller Unterstützung und von Materiallieferungen. Die Parallelen zum heutigen J+S sind unverkennbar. 

Die Pfadibewegung und ihre «militärische Vorgeschichte» 

Vorwürfe, wir Pfadi seien eine militärische Organisation, hören wir nicht gerne, aber leider nur allzu oft. Dass die Vergangenheit unserer Bewegung viele Berührungspunkte mit dem Militär hat, brauchen wir nicht zu verschweigen. Kritikern lässt sich immerhin entgegenhalten, dass sich die Pfadibewegung vom Vorunterricht nicht einfach vereinnahmen liess, sondern diesen im Gegenteil ganz wesentlich verändert und in einem durchaus positiven Sinn geprägt hat. Dass sich der Vorunterricht vom vielerorts gebräuchlichen Rekrutenschulbetrieb im Miniformat verabschieden und zum relativ modernen Vorläufer des heutigen J+S werden konnte, ist nicht ausschliesslich, aber zu einem guten Teil das Verdienst der Pfadibewegung. 

Wer mehr über die Geschichte des Vorunterrichts und J+S wissen will, liest am besten: Lutz Eichenberger: Die Eidgenössische Sportschule Magglingen 1944 - 1994 (zu beziehen bei der ESSM)


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