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Lebenslauf von Ida von Herrenschwand 1887 - 1961

Nachruf von Pfarrer Walter Lüthi, Pfarrer am Münster in Bern

Mathilde Ida von Herrenschwand wurde in ihrer Vaterstadt Bern an der Kramgasse geboren, am 24. Juli des Jahres 1887, als Tochter des bürgerlichen Feld- und Forstkassiers Arnold von Herrenschwand; ihre Mutter Mathilde war eine geborene von Fischer von Ortbühl. Mit ihren zwei Brüdern zusammen wuchs sie auf im elterlichen Heim, das sich damals im Rabbental befand. Von da aus besuchte sie eine Privatschule und verbrachte dann längere Zeit im Welschland, wurde in Neuchâtel konfirmiert und betätigte sich, nach Bern zurückgekehrt, kunstgewerblich, woran sie Freude hatte, was ihr aber als Lebensinhalt niemals genügen konnte. 

Als der erste Weltkrieg Europa zerriss und seine Wunden hinterliess, sah sie sich angerufen und aufgeboten zum Helferdienst an den Mitmenschen. Sie half tatkräftig mit bei verschiedenen Hilfsaktionen. Zusammen mit Rudolf von Tavel führte sie die Hilfe für die Kinder der damals von Hungersnot heimgesuchten Stadt Wien durch, leitete Transporte und vermittelte Pflegeplätze. Ferner stellte sie sich in jenen Jahren der Organisation Pro captivis, "Für die Gefangenen, zur Verfügung und half auch so über die Grenzen unseres Landes hinaus Verbindungen zwischen den Kriegsgefangenen und ihren Angehörigen suchen und herstellen. 

Bald wurde sie aus ihrem weltweiten Helfen zurückgerufen in ihr Haus, wo ihre Nächsten ihrer bedurften. Während ihre beiden Brüder sich im Ausland niederliessen, begleitete sie ihre beiden, inzwischen alt gewordenen Eltern, die sie in Tagen der Krankheit pflegte. Der Vater starb ihr 1923, die Mutter nach längerem Leiden drei Jahre später. Durch den Heimgang ihrer Eltern wurde sie neuerdings frei zum Dienst nach aussen. Untätig sein, oder ein kleines Privatdasein fristen, war ihr undenkbar. Bald wuchs die Aufgabe an sie heran, die den Mittag ihres Lebens ausfüllte, die Entwicklung und den Aufbau des Pfadfinderinnenwesens auf dem Boden der Stadt, des Kantons, des Landes und über die Grenzen hinaus. Wir werden über diesen Abschnitt ihres Lebens das Nötige noch aus anderem Munde zu hören bekommen. Wir möchten dem nicht vorgreifen. Nur zwei Hinweise seien uns in Kürze gestattet: In Adelboden, wo sie das Chalet, das internationale Zentrum der Pfadfinderinnenbewegung bauen und dann über zwei Jahrzehnte betreuen durfte, blieb sie der Bevölkerung keine Fremde. Sie suchte und sie fand Kontakt mit der Dorfgemeinschaft und den Anschluss an die dortige Kirchgemeinde. 

In ihrer Eigenschaft als Pfadfinderin aber, wurde sie Schwester vieler Schwestern, Mutter mancher Kinder in der Nähe und in der weiten Welt. Die Heilige Schrift weiss um den Stand der charismatischen Ehelosigkeit. Der Apostel Paulus gehörte im Unterschied zu allen anderen Aposteln, die verheiratet waren, zu diesem Stand. Paulus wusste sich nicht zur Ehelosigkeit verurteilt, sondern zur Ehelosigkeit begnadet. Zu diesen begnadet Ehelosen durfte die liebe Heimgegangene gehören. Das sind jene von den Familienpflichten für eine weitere Gemeinschaft Befreiten. Sie sind nicht Sitzengebliebene, sie sind Vorauseilende, gehören zur Avantgarde, zu denen, die, nicht durch schweres Reisegepäck behindert, dem kommenden Reich den anderen voran, entgegeneilen. So ist an diesem Leben etwas von der prophetischen Verheissung erfüllt, die sagt: Die Einsame hat mehr Kinder als die den Mann hat, spricht der Herr (Jes. 54, 1). Und so ist an ihr etwas von jenem Reich Wirklichkeit geworden, das umfassender ist als Ehe und Familie. 

Auch sonst traten mit den Jahren immer deutlicher diese Reichsdimensionen bei ihr in Erscheinung. Sie gehörte dem Vorstand des Weissenheims, der Anstalt für schwachsinnige Kinder, an, ebenso gehörte sie Jahre hindurch zum Frauenkomitee für die zerstreuten Glaubensbrüder in der Diaspora. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges, es war damals noch kein FHD organisiert, stellte sie ihre Kraft dem Lande, wie es die damalige Stunde forderte, zur Verfügung und ermunterte durch ihr Vorangehen auch da manche, dasselbe zu tun. 

Im Jahre 1952 trat sie von ihrer Aufgabe in Adelboden zurück. Normalerweise hätte nun für sie der Ruhestand begonnen. In der Berner Altstadt, wo sie geboren war, gedachte sie ihren Abend zu verbringen, nahm Wohnung an der Junkerngasse und wurde somit Glied unserer Münstergemeinde. Es konnte nicht anders sein, es wurde bald ein höchst aktiver Ruhestand. Als wir vor Jahren jemanden suchten, um unsere monatlichen Altersnachmittage für Frauen zu leiten, klopften wir bei ihr an. Wir stellten ihr die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, nachdem sie so viele Jahre der Jugend gedient habe, sich nun dem Dienst an den Alten der Gemeinde zu widmen. Sie sagte ohne Zögern ja und hat Treppen erstiegen und in den hintern Gassen Dachstuben aufgesucht. Einer der ganz grossen Tage ihres Lebens war, als sie zum ersten Mal in ihrer Eigenschaft als Kirchgemeinderat an jenem Tisch zudienen durfte, von dem her die Worte ergehen: Für euch, für euch gebrochen, für euch vergossen. Gott ist für uns! 

Der Kirchgemeinderats-Präsident bittet um die Verlesung der Worte: Mit grosser Dankbarkeit gedenkt der Münsterkirchgemeinderat der Tätigkeit von Fräulein Ida von Herrenschwand in unserer Münstergemeinde. Seit 1954 gehörte sie dem Kirchgemeinderat an. An den Beratungen nahm sie mit persönlicher Hingabe und mit bemerkenswerter Sachlichkeit teil. Darüber hinaus stellte sie sich mit ganzem Einsatz in die Gemeindearbeit hinein. Wir denken hier an ihre Tätigkeit im Münsternähverein und an den Altersnachmittagen. Unsere Gemeinde hat durch die liebe Verstorbene reichen Segen erfahren dürfen. Dafür danken wir Gott, unserem Herrn. 

Ihren 70. Geburtstag feierte sie im Sommer 1957, wieder erstaunlich erholt von einer ersten Berührung im Jahre vorher. Als sie letzthin am 10. August ins Spital überführt werden musste, war das für die ihr Nahestehenden eine schmerzliche Überraschung. Als ich beim ersten Besuch im Spital erwartete, die Schwerkranke werde über ihren Zustand sich äussern, sprach sie über Probleme der Kirchgemeinde, und die Kasse der Altersnachmittage sei leer. Über ihren Zustand war sie genau im Bild. Den Bettag feierte sie vom Krankenzimmer aus im Geiste mit der Gemeinde verbunden, begehrte noch vom gleichen Brot zu essen und vom Kelch zu trinken und noch einmal die grossen Worte zu hören: Das Brot, das wir brechen, ist die Gemeinschaft des für euch gebrochenen Leibes unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi. Und der Kelch des Segens, mit dem wir danksagen, ist die Gemeinschaft des für euch vergossenen Blutes unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi. Das ist Gottes grosses, heiliges Pro, das ihr zur Grundlage und zur Quelle wurde für ihr menschliches Pro, das ihr Leben kennzeichnet. Am Mittwoch, den 18. Oktober um halb acht Uhr früh hat sie die Augen geschlossen. Gott hat ihr 75 Jahre Zeit geschenkt. Und sie hat ihre Lebenszeit weitergegeben. In dem Jahrhundert, da man nicht Zeit hat füreinander, da niemand gern gratis Zeit weggibt, hat sie Zeit gehabt und hat mit vollen Händen ihre Lebenszeit verschenkt. Wenn Gott für uns ist, dann gilt es, dass wer an diesen Gott glaubt, für die Mitmenschen da ist: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? - Amen.

 

Der Text stammt aus der Broschüre "Ida von Herrenschwand 1887 - 1961", welche im Zentralarchiv der PBS eingesehen werden kann. Die Schreibweise (inkl. allfälliger Fehler) wurde gemäss dem Original übernommen. Für die Abschrift bedanken wir uns bei Doris Stroppel-Lutz. 

 

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